Stefanie Golisch

Anatamie eines Mutterlaibes

Die schwarze Frau

Ich weiß nichts Dunkleres denn das Licht.
Ernst Meister

Ich fuhr dann immer weiter, um auf keinen Fall Gefahr zu laufen,
an einem bestimmten Ort jemals anzukommen.
Es gab Zeiten, da wünschte ich mich zurück an den Anfang,
mied aber Bahnhöfe ähnlichen Namens,
und nicht einmal in Gedanken erlaubte ich mir das Wort
Heimweh auszusprechen.
Ich mochte dieses Wort nicht, dessen Klang in mir unmittelbar
das Bild eines uralten Menschen am Fenster hervorrief,
der die Gegenwart verachtet und sich stattdessen die Vergangenheit schön träumt.
Die Vergangenheit ist aber nicht schöner als die Gegenwart.
Ein verwackelter Schnappschuss in altmodischen Kleidern
und verrutschten Hüten verdient es keineswegs, dass man gerührt
innehält und den Enten altes Brot hinwirft.
Um einen Augenblick lang glücklich zu sein, braucht man
eigentlich nur vor die Tür zu treten und das Leben bei
seinem unaufhörlichen Sichereignen zu beobachten,
und sofort wird man mit reifen Kirschen belohnt.
So laufe ich durch meine Tage, und fädelte sie am Abend
zu einer Kette, nicht ohne Anspruch auf Schönheit
und Stimmigkeit der Farben und Formen,
ich bin stolz auf jede einzelne Perle, noch auf die unscheinbarste,
die keinen interessanten Gedanken tiefgründig zum
Schimmern bringt,
ich bin stolz, auch wenn ich zu keinem Menschen keinen wahren Satz sage,
kein überwältigendes Naturerlebnis habe
und keinen einzigen Blick erhasche,
der mich denken lässt, auch ich bin im Mythos enthalten,
selbst, wenn sich dieser sich gerade hinter dunklen Wolken
verbirgt.