Lambert Bertuch

EIN KURZER BLICK AUF DIE GLEICHHEIT


Die Negation der Natur ist der Weg zum Glück.
John Locke
Alles, was gegen die Natur ist,hat auf die Dauer keinen Bestand.
Charles Darwin


1

Unreflektiertheit gewährt einer Idee den Reiz der Unschuld, ja, der Kindlichkeit. Ihr Älterwerden vollzieht sich in den Ringen der Relativierung.

2

Die Welt der Utopie untertan zu machen, darf als die Aufgabe gelten, um deretwillen die Gattung auf der Erde lebt. Dass Hegel den Gang der Geschichte als Entwicklung zur Freiheit gedeutet hat, wird durch die Vorstellung ergänzt, er sei als Gang hin zu Gleichheit und Gerechtigkeit planbar. Die selbstverständliche Parallelität der beiden großen Gs scheint in der ersten Staatsutopie der europäischen Geistestradition allerdings noch nicht gegeben. Platons "Der Staat" entwirft ein hierarchisches Gemeinwesen, welches die berüchtigte Dreiteilung aufweist, eine Gliederung in den Nährstand, den Wehrstand und den Lehrstand, der aus dem Wehr- oder Wächterstand hervorgeht. Indem Plato die drei gesellschaftlichen Klassen zum einen mit Eisen, Silber und Gold vergleicht, zum anderen mit den drei Teilen der Seele, der Begierde, dem Willen und der Vernunft, gibt er zu verstehen, dass die Ordnung des Staates derjenigen der Natur entsprechen soll. Gerecht ist der ideale Staat, wenn in ihm jeder Mensch die ihm zukommende Funktion übernimmt, d.h. den für ihn geeigneten Beruf ausübt. Alle auf ihrem Platz heißt alle in Reih' und Glied. Die zentrale ethische Kategorie, die der Gerechtigkeit, wird ontologisch begründet. Folglich kann Gerechtigkeit für das Individuum wie für den Staat definiert werden. Das Individuum ist gerecht, wenn es von der Vernunft geleitet wird, was bedeutet, dass es nichts unterschlägt oder raubt, weder Freund noch Staat verrät, die Eltern achtet, die Götter ehrt, die Ehe nicht bricht, kurzum den Normen einer unmittelbar einsichtigen Moral gehorcht. [...]