Joachim Vahland

Kants Hybris

Ich glaube, daß so wie die Anhänger des Herrn Kant ihren Gegnern immer vorwerfen, sie verstünden ihn nicht, so glauben auch manche Herr Kant habe recht weil sie ihn verstehen. Seine Vorstellungs-Art ist neu, und weicht von dem Gewöhnlichen sehr ab, und wenn man nun auf einmal Einsicht in dieselbe erlangt, so ist man auch sehr geneigt sie für wahr zu halten, zumal, da er so viele eifrige Anhänger hat, man sollte aber dabei immer bedenken, daß dieses Verstehen noch kein Grund ist es selbst für wahr zu halten. Ich glaube daß die meisten über der Freude ein sehr abstraktes und dunkel abgefaßtes System zu verstehn zugleich geglaubt haben es sei demonstriert.

Lichtenberg


I. Rezeptionsgeschichten

Alle fünf Jahre findet der Internationale Kant-Kongress statt, dessen 'Akten' ca. drei Jahre später der Verlag de Gruyter veröffentlicht, der auch die von Hans Vaihinger 1896 gegründeten Kant-Studien verlegt. Zuletzt erschienen sind 2013 fünf quittengelbe Bände von ca. 4000 Seiten zu dem XI. Kongress, der in Pisa unter dem Thema Kant und die Philosophie in weltbürgerlicher Absicht stattfand – darin enthalten 25 sog. Hauptvorträge sowie 341 Beiträge aus 14 Sektionen, im Buchhandel für € 389.– zu erwerben.
Diese 4000 Kongress-Seiten, das Konzentrat von mehr als 700 Einreichungen, mögen hier stellvertretend stehen für eine weltweit agierende Deutungsindustrie in Sachen Kant, deren Ausstoß schon seit langem niemand mehr überblicken kann – was allerdings nicht irritieren muss: Sowenig ein Nicht-Erscheinen dieser 4000 Seiten die Kant-Forschung tangiert hätte, sowenig gelänge dies dem Nachweis, dass die berühmt-berüchtigte Deduktion in Kants erster Kritik ausgemachten Unsinn oder aber (alternativ) eine wohlbegründete Kette von Argumenten enthielte – beide Ergebnisse, nähme man sie denn ernst, zeitigten gleichermaßen ruinöse Konsequenzen, die einem exegetischen Exitus gleichkämen. Doch keine Sorge, so leicht lässt sich der Betrieb nicht die Geschäftsgrundlage nehmen, man weiß sich schließlich zu wehren, und die Mittel der Gegenwehr heißen Ignorieren oder Diskutieren: Sämtliche von Kants zentralen Theoremen sind schon so oft in Grund und Boden kritisiert und widerlegt worden – das hindert nicht, weiterhin über Kants Raum- und Zeit-Lehre, seine Unterscheidung zwischen Erscheinungen und Dingen an sich usw. zu publizieren (wobei aber – vielleicht – doch die Asymmetrie auffallen müsste, dass überzeugende Nachweise einer System-Stringenz der Kantischen Argumentationen bisher fehlen).