Joachim Vahland

Toleranzdiskurse

Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.
Thomas Mann, Der Zauberberg

PROLOG

Dass Intoleranz verwerflich, Toleranz hingegen eine Tugend sei, gehört zu den gängigsten Klischees jener verbreiteten Reflexmoral, die sich ihres mit breiter Brust reklamierten Anspruchs, die eine, alternativlose Verkörperung des Guten zu sein, viel zu gewiss ist, als dass sie es nötig hätte, dafür womöglich noch mit Gründen fechten zu müssen. Bestärkt in dieser Haltung wird die Reflexmoral von seminargeschulten Intellektuellen, die unter Anerkennung gewisser begrifflicher Eigenarten am Ende doch keinen Zweifel aufkommen lassen, dass, anders als ihr Widerpart, allein eine tolerante Haltung diskursiv legitimierbar sei. Schopenhauers Mahnung, dass Moral predigen leicht, sie begründen schwer sei, ist da längst kassiert.

I

Augustinus' Brief an den Donatistenbischof Vincentius aus dem Jahr 408 »ist sicherlich die historisch wirkmächtigste Apologie der Intoleranz, die je geschrieben wurde« . In dieser Rechtfertigung der biblischen Figur des Compelle intrare (»Nötige sie einzutreten«, Lk 14,23) plädiert Augustinus für die Anwendung von terror und violentia, um die christlichen Häretiker von ihrem Irrglauben abzubringen und ihnen damit die ewige Verdammnis zu ersparen. Die Rechtfertigung der Gewaltanwendung (gemeint sind hier konkret Verbannung und Vermögensverlust) geschieht mit Verweis auf die Christenpflicht, Menschen vor Schaden zu bewahren, und welcher Schaden könnte größer sein als der Verlust des Seelenheils: »Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden.« (Mk 16,16) Würde man hingegen die Häretiker sich selbst überlassen und ihren Irrglauben »ertragen« Augustinus verwendet hier die Vokabel tolerare , »so würden wir in Wahrheit Böses mit Bösem vergelten«. Dies alles natürlich unter der selbstverständlichen Prämisse, dass es nur einen wahren Glauben geben könne: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.« (Joh 14,6)