Lambert Bertuch

Humanität als Gier

Die bösen Begierden, die Laster, die zweifelhaften und verdammenswerten Leidenschaften, der Hang zum Luxus, der Neid, die verbrecherische Konkurrenz etc., sie halten die Gesellschaft in Bewegung, was sage ich, sie ermöglichen die Existenz, das Leben.

E. M. Cioran


Es gibt keine Geschichte der Gier, keine Übersicht ihrer Darstellung und Wertung in den verschiedenen Epochen. Gäbe es sie, müsste sie nicht nur die politische Geschichte mit ihren Eroberungen und Feldzügen und die geistige mit den schönen Künsten als Gespielinnen der Ruhmesgier und die religiöse mit ihrer Verbreitung und Verdrängung der jeweiligen Hoffnungen für das Seelenheil und die wirtschaftliche mit ihrer Warenfülle und ihrem Kitzel von Bedürfnissen und Eitelkeiten umfassen, sie müsste schlechthin das weltweite Geschehen einbeziehen, um in der Gier nach Gelehrsamkeit und Wissenschaft, nach Erkenntnis und Belehrung unterzugehen. Wenn im Anfang das Wort war, und zwar bei Gott, so war im Anfang des Menschen die Gier, die ihn aus dem Paradies vertrieb und seither den Impuls antreibt, in es zurückzukehren. Max Weber betonte, die auri sacra fames sei so alt wie die Geschichte der Menschheit, und den rücksichtslosen, an keine Norm sich innerlich bindenden Erwerb habe es zu allen Zeiten gegeben, wo und wie immer er tatsächlich überhaupt möglich gewesen sei. Das fiktive vieltausendbändige Werk, würde es je geschrieben, wozu kein noch so verlängertes Leben ausreichte, ließe seinen Autor bzw. seine Autorin (um der Gerechtigkeitsgier das Wort aus dem sprachmächtigen Mund zu nehmen) auf den bildungsklassischen Ausruf verfallen, der Tor oder die Törin stehe da und sei so klug als wie zuvor – der sicherlich die Ewigkeit als Echoraum gebrauchen wird. Nein, es wird keine Geschichte der Gier geben, unter anderem, um nur einen der vielköpfigen Gründe zu nennen, da sie eine Meisterin der Camouflage ist.