Michael Rumpf

Toleranz und Relativismus

Aus der Praxis des Ethik-Unterrichts

Im Jahre 1938, kurz vor seinem tragischen Tod in Paris, veröffentlichte der Schriftsteller Ödön von Horváth seinen Roman Jugend ohne Gott, der in Deutschland zu Beginn der Dreißigerjahre spielt. Protagonist ist ein junger Lehrer, der Geschichte und Geographie unterrichtet und gemäß den Vorgaben der nationalsozialistischen Behörde das Thema stellt »Warum müssen wir Kolonien haben?«. Beim Korrigieren bemerkt der Lehrer, dass die Schüler niederschreiben, was sie im Radio gehört haben, u. a., dass Deutschland Kolonien brauche, um Rohstoffe für die heimische Industrie zu bekommen. Sechsundzwanzig Aufsätze muss er korrigieren, »die mit schiefen Voraussetzungen falsche Schlussfolgerungen ziehen«. Einmal platzt ihm der Geduldsfaden, also jener Faden im Gewebe der Gefühle, der mit dem Toleranzfaden eng verknüpft ist, und zwar als er liest:» Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.« Weil kein Lehrer im Schulheft streichen darf, »was einer im Radio redet«, traut er sich nicht, den Satz am Heftrand zu kommentieren. Bei der Rückgabe der Hefte aber kritisiert er den Schüler wegen seines Rassismus. Die Folgen sind sehr unangenehm: Der Vater des Schülers erscheint am nächsten Tag in der Sprechstunde und macht ihm Vorwürfe, indem er die Kritik als »Sabotage am Vaterland« und als »Gift der Humanitätsduselei« wertet. Er beschwert sich sogar beim Direktor, welcher den Lehrer vorlädt und ihn auf eine geheime Vorschrift hinweist, die Jugend zum Krieg zu erziehen.
Diese Szene hat mit der heutigen Schulsituation in Deutschland über 70 Jahre später nichts mehr zu tun, das Interesse, welches sie bei Schülern auslöst, erweckt der Kontrast, denn das Schulsystem heute erzieht zum Frieden und der Wert der Toleranz spielt dementsprechend in allen Lehrplänen eine wichtige Rolle. [..]