PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd"> Zeno - Jahrheft für Literatur und Kritik - Aktuelles

Jakob Ossner

Toleranzformen - innen und außen

I

Das Gebot, den andern als Person zu behandeln und seine Autonomie zu achten, hat eine außerordentlich zentrifugale Kraft. Die Achtung gebiert Individuen, jedes für sich und jedes anders. Es bedarf also einer besonderen Abstraktion, wenn alle Sonderlinge doch eine Gemeinschaft bilden sollen. An dieser Stelle tritt die Toleranz auf. Sie negiert die Besonderheiten, zumindest duldet und erträgt sie diese und stellt sie im Umgang miteinander nicht in Rechnung. Dabei verhält sie sich von Anfang an dialektisch gegen sich selbst. Sie schafft Gleichheit, allerdings auf der Basis von unterstellter und tatsächlicher Ungleichheit. Toleranz wird nicht zwischen Gleichen, sondern Ungleichen gewährt, vor allem: sie wird gewährt. Es ist ein Akt der Großzügigkeit, der aus einer potentiellen Ungleichheit eine faktische macht. Diese Art der Toleranz erwartet ihrerseits Toleranz, sodass alle in der Ungleichheit wieder gleich sind. Man sollte von einem Konzept, dessen Anwendung zu einem Selbstwiderspruch führt, nicht zu viel erwarten. Wenn das alles wäre, hülfe da nur noch die theologische Überhöhung:
Herr, da ist der andere, mit dem ich mich nicht verstehe.
Er gehört dir, du hast ihn geschaffen,
du hast, wenn nicht so gewollt, ihn doch so gelassen, wie er eben ist.
Wenn du ihn trägst, mein Gott, will ich ihn auch tragen und ertragen,
wie du mich trägst und erträgst.
(Karl Rahner)