PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd"> Zeno - Jahrheft für Literatur und Kritik - Aktuelles

Jakob Ossner

Erster sein

I

Leben ist Gier. Der Samenfaden, der der Erste sein möchte, der Schüler, der der Beste, die junge Frau, die die Schönste, der Unternehmer, der am erfolgreichsten sein möchte, der Wissenschaftler, der sich für den Klügsten hält – der Mensch, ein Streber, stets Superlative, weil es doch vorwärtsgehen muss. Mehr!, heißt die Parole, etwas geht immer noch und selbst wenn X an seine Grenze gekommen ist, wird Y sie zu überschreiten wissen. Noch weiter, noch höher, noch schneller – man muss alles, was da ist, aufsaugen. Vorwärts!, heißt das Motto der Gier. Rücksicht ist nicht Leben, Rücksicht ist der tägliche Tod. Wenn wir alles berücksichtigt haben, sterben wir und werden vergessen. An die gierigen Helden, die nicht genug bekommen konnten, erinnern wir uns als Heroen, stets geschichtsgeglättet, aber die Botschaft bleibt: Er oder sie hat sein Leben gestaltet. Er war der Käpt'n seiner Seele, autonom, nicht heteronom, selbstbehauptend, nicht selbstlos, vorwärtsgreifend, nicht zaudernd. Immer der Erste sein, niemals nur Zweiter. Wer Zweiter ist, hat verloren. Was soll der noch zeugen? Voran! und Hurra! Der Erste braucht keine Ellbogen mehr, aber bis dahin geht es rüpelhaft zu. Voran und dem ewigen Fortschritt entgegen. Das Besondere ist stets vor uns, das Gute muss man hinter sich lassen, um das Bessere zu erwerben: „Was Menschen Übles tun, das überlebt sie. Das Gute wird mit ihnen oft begraben.“