Geert Edel
KANTS TRANSZENDENTALE TOPIK UND DIE REFLEXIONSTOPOLOGIE VON WOLFGANG MARX
Es gibt in der Philosophie, jedenfalls in der universitären Philosophie und besonders in philosophischen Seminaren, einen Mythos. Er besagt, dass ein schwieriges Buch ein bedeutendes Buch sei; je schwieriger also, desto bedeutender. Das gilt natürlich nur für die sogenannten ganz großen Werke. Kants "Kritik der reinen Vernunft" gilt als schwierig, ebenso Hegels "Phänomenologie des Geistes" und "Wissenschaft der Logik" - und da diese Bücher in der Retrospektive, also historisch und sub specie der Sache der Philosophie betrachtet, in der Tat bedeutend sind bzw. waren, scheint jener Mythos nicht nur eine Inszenierung zu Abschreckungs- und Subordinationszwecken, nicht nur eine Strategie zur Aufrechterhaltung einer Hierarchie zwischen denen zu sein, die verstanden haben, und denen, die nicht verstanden haben, sondern in der Sache selbst wohl fundiert. Wer eingesteht, dass ihm die Hegelsche Logik zu schwierig sei, disqualifiziert sich deshalb selbst - jedenfalls dann und dort, wenn und wo die philosophische Unüberbietbarkeit dieser großen Werke noch vor allem exegetischen Bemühen um sie a priori feststeht und man, paradoxerweise, eben deshalb glaubt, dass alle philosophische Einsicht in deren Auslegung und Rekonstruktion gipfeln müsse. Denn wenn die Sache der Philosophie eines ist, dann dies: Verstehen. Dass es sich hier dennoch um einen Mythos handelt, um einen hermeneutischen Mythos zur Selbstzelebrierung der Bedeutung der Exegeten, wird unmittelbar deutlich, wenn man ein historisches Gegenbeispiel heranzieht. Wenn etwa die Logik Cohens als 'schwierig' eingestuft und seine Kantinterpretation gar als Kant-Talmudistik gebrandmarkt wird, dann ist keine Rede mehr davon, dass die Schwierigkeit Bedeutung und Größe indiziere, im Gegenteil, dann gilt plötz-lich Wittgensteins Devise: "Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen." [...]