Michael Rumpf

Hildesheimers Bildungsreise


Den christlich geprägten Europäern galt das Leben als Pilgerfahrt, den humanistisch erzogenen als Reise. Doch die Verhältnisse haben sich verkehrt, und nun gilt das Reisen als Leben, als Inbegriff des gelingenden Lebens. Die Welt zu durchstreifen und in ihr Licht die eigene Daseinslust zu tauchen, ist zur bevorzugten Form des Ich-Genusses geworden. Man besucht, man besichtigt, man lernt kennen, als stiege mit dem Kilometerstand der Glückspegel. Menschen, die ihren Geburtsort nie verlassen, die nie Landesgrenzen überschreiten, nie die Absolution erteilenden Kontrollen eines Flughafens passieren und daher sterben, ohne die Natur- und Bauwunder der Erde gesehen haben, erwecken Mitleid. Das Reisen als Gussform der Individualität: Der Vorgang des Planens und der Nachklang des Schwärmens umschließen die selige Melodie, der jeder Tag einen Takt hinzufügt. Man verreist für sich – und doch bleibt das Ich auf das Wir angewiesen: Nach der Rückkehr nichts erzählen zu dürfen, das Erlebte im Inneren verschließen, ja – man wage das Gedankenexperiment – jedes Mal vortäuschen zu müssen, man sei nicht verreist gewesen, diese Vorstellung bedrückt. Man würde die Neugier und den Neid enttäuschen – das Individuum wird aus dem Geist des Reisens geboren, seine Geburt aber bliebe unbeachtet. Wer verreist, will erzählen, und nicht nur, weil er zu erzählen hat – eine soziale Norm, ein Ideal erfüllen, das ist allemal eine Mitteilung wert, auch wenn es schwer und schwerer wird, die eigene Person dadurch aufzuwerten. Wegfahren und wiederkommen kann nicht alles sein. Bericht einer Reise nüchterner, als Wolfgang Hildesheimer es tut, lässt sich ein Text kaum überschreiben. Sogar der Hinweis auf die Ziele der Reise fehlt, dabei sind Italien, Israel und Griechenland Länder, deren Nennung mit den Assoziationen, die sie wachrufen, Interesse wecken. Der Grund für seine die Reize eher vermeidende und dadurch reizvolle Sachlichkeit liegt im Persönlichen: Wolfgang Hildesheimer, der – 1933 emigriert – von 1934 bis 1937 in Palästina die Möbeltischlerei erlernt hatte, reiste mit seiner Frau Silvia im Januar 1953 über Italien nach Israel, um seine Eltern – Arnold und Hanna Hildesheimer – in Haifa zu besuchen. Am 6. März 1953 trafen sie nach dreitägiger Schifffahrt in Athen ein, blieben dann knapp vierzehn Tage in Griechenland und traten am 19. März die Rückreise mit dem Orient-Express an. (Die Information vermittelte Frau Hildesheimer freundlicherweise in einem Brief vom 1. Februar 2002.) Geplante Abstecher ins damals jugoslawische Sarajewo und Dubrovnik unterblieben, weil – der Schlussabschnitt des Berichts erwähnt es – „die Grenze“ des „Aufnahmevermögens“ erreicht war. Aber nicht nur der Anlass der Reise, der im gedruckten Text mit keinem Wort erwähnt wird, erklärt die Zurückhaltung des Titels, wichtiger ist Hildesheimer Absicht, die aus seinen einleitenden Worten hervorgeht. Er beschränkt sich darauf, das mit eigenen Augen Gesehene zu berichten und zu kommentieren und verlässt sich dabei auf Notizen seiner Frau, denn weder Fotoapparat noch Tonbandgerät dienten dazu, unterwegs Alltägliches oder Besonderes festzuhalten.