Stefanie Golisch
LUIGI PIRANDELLOS BRIEFE AN MARTA ABBA
Luigi Pirandello
MARTA MIA
An Marta Abba
Milano
Via Cajazzo 52
Paris, den 13.12.1930
Avenue Victor Emanuel III, Nro 5
Meine Marta,
in diesem Augenblick hat sich Eligio Possenti von mir verabschiedet. Er fährt heute zurück nach Mailand, um seine Arbeit beim Corriere della Sera wieder aufzunehmen. Ich habe ihm klar und deutlich gesagt, was ich von Simonis Artikel über "Madame Legros" halte, und er war vollkommen einverstanden mit mir, was die geistige Dürftigkeit dieses Artikels betrifft. Geistloser Exhibitionismus gepaart mit historischer Besserwisserei; er selbst sagte: " Was das Drama Heinrich Manns betrifft, so ist in ihm die Geschichte eigentlich nur ein Vorwand." Wozu also all dieses historische Gewäsch? Und wozu das ganze Gerede von Gut und Böse? Über die Menschheit, die nicht existiert, die ist und nicht ist? und ja und nein, und nein und ja; all das trägt nur zur Verwirrung des Lesers bei und hat zur Folge, dass er nichts mehr begreift, und am Ende, wenn er wirklich die Nase bereits gestrichen voll hat, schließt, dass es sich bei alledem um eine höchst ehrenwerte Arbeit handele und dass das Publikum sehr interessiert war, dass es drei oder vier Mal applaudiert hat, dass Deine Darstellung eindrucksvoll war und dass das Bühnenbild in allen drei Akten sehr schön war. Weshalb hat Herr Simonis seinen Artikel nicht so begonnen, wie immer dann, wenn er einer Truppe wohl gesonnen ist und möglichst viele Zuschauer ins Theater locken will? Für "Stefano" etwa hat er es eben auf diese Weise gehandhabt! Und hat sich doch gehütet, für "Penelope" und "Madame Legros" ebenso zu verfahren. Allerdings befürchte ich nach einem solch feindseligen Artikel, dass sich das Stück nicht sehr lange wird halten können. Doch möge Gott diesen meinen Zweifel zerstreuen und Dir, meiner Marta, eine Atempause gönnen. [...]