Michael Rumpf

Strichcode IX


Zuweilen, nein, eigentlich oft, hatte Gunter, der, seit er geschieden war, eine Nachricht, die im Bekanntenkreis die Frage hervorgerufen hatte, ob er seine Frau oder seine Frau ihn, denn es ging darum, das Ereignis als Sieg oder als Schmach, was natürlich, je nach Glaubwürdigkeit der Auskunft in Zweifel gezogen wurde, sich selbst versorgen musste, da er es ablehnte, eine neue Beziehung zu beginnen, sondern der Vergangenheit ihr Recht auf Anerkennung gab, hatte Gunter beim Anstehen an der Kasse des Supermarkts das Bedürfnis, dem oder der vor ihm Stehenden, nach einem angelegentlichen, unvermeidlichen Blick in den Einkaufswagen Vorhaltungen zu machen, sah er doch, wie viel in der Ernährung- und Einkaufspolitik seiner Mitmenschen im Argen, und Gunter hätte gerne gemahnt, nicht die fette, sondern die fettreduzierte Wurst zu wählen, mehr Gemüse statt minderwertigem Süßkram und nicht regelmäßig auf die Sonderangebote hereinzufallen, ein Bedürfnis, nicht um den Wohltäter zu spielen, sondern um die in ihm aufsteigende Wut, und dann immer wieder die Zigaretten, ungeachtet der abschreckenden Aufdrucke, oft hochprozentigen Alkohol, dessen Anblick ihm auf die Zunge legte, man könne ohne ihn nicht in Stimmung, aber es kam ihm, Gunter, dreiundvierzig, Sachbearbeiter für kommunale Finanzen, kinderlos, Briefmarkensammler, zugute, dass Klothilde, deren Namen er nie zu Anspielungen missbraucht hatte, ihn bei ihren Spaziergängen durch den Volkspark, seinen Hund vermisste er noch immer, sie war selbständige Masseurin, in jahrelanger Arbeit dazu erzogen, also davon abgehalten, Verhaltensweisen seiner Mitmenschen, die er missbilligte, etwa das achtlose Wegwerfen von Papier oder das Herumzerren an kleinen, weinenden Kindern, die den Enten nachschauen wollten, oder den verbotenerweise auf den Spazierwegen fahrenden Radfahrern, zu rügen, zu missbilligen, geschweige denn, dass er die absonderlichen Kleidungssitten, etwa die völlig unpassende Farbwahl oder einen die Figur unvorteilhaft hervorkehrenden Pullover kommentieren, wie es ihm sein Geschmacksbewusstsein eingab, oder sie, nach einer höflichen Vorstellung seiner Person, durch einen wohlgemeinten Änderungsvorschlag aus seiner Erregungswelt schaffen durfte, er, Gunter, den Klothilde einmal einen innerlich wutschnaubenden Weltverbesserer genannt, musste es eines Tages, und das schied ihn von seinem Selbstbild, erleben, dass ein vor ihm stehender, unscheinbar wirkender Mann, eine weiter vorne in der Schlange wartende Frau über mehrere Zwischenleute hinweg bepöbelte, bei den in ihrem Einkaufswagen liegenden Fertigpizzen und Marsriegeln sei es verwunderlich, dass sie nicht noch, und ob sie sich der Folgen ihrer Fehlernährung für die Versichertengemeinschaft nicht bewusst sei, was Gunter, den Fachmann für kommunale Finanzen, zugleich mit dem Gram über die eigene Kümmerlichkeit, den Spruch der Aktion Gemeinsinn „für einander einstehen beim Anstehen”, Bürger helfen sich über den Zebrastreifen der Gewohnheitsstraße, der vielleicht auch bei Klothil…