Robert Caven

Ein Fräulein gibt zu denken

Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

Hegel


Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Riskieren wir einfach mal die Tabu-Frage. Also: Was will uns der Dichter – eigentlich – damit sagen? Die Geschlechterrollen in diesem (paradox gesagt) monologischen Konversationsstück sind so überschaubar besetzt, wie das tradierte Klischee sie vorgibt: Erzählt wird von einer vermutlich jüngeren Dame gehobenen Standes („Fräulein”), die das Erlebnis eines Sonnenuntergangs am Meer in melancholische Stimmung versetzt hat. Der anonyme Chronist belässt es nicht bei einer Wiedergabe seiner Beobachtung, vielmehr scheint er die Ergriffenheit der Dame für übertrieben bzw. unangemessen zu halten („lang und bang”, „sehre”). Das bestätigt jedenfalls seine direkte Ansprache in der zweiten Strophe (mit der zugleich eine zumindest ideologische Nähe von Beobachter- und Sprecherrolle nahegelegt wird). Was aber mag ihn überhaupt zu seiner Reaktion motiviert haben? Ist er – um nur die denkbaren Extreme anzuführen – der gutmeinende Pädagoge, den die Traurigkeit des Mädchens besorgt, oder im Gegenteil ein hartgesottener Aufklärer, der im Geiste des Positivismus eine dumme Pute von standesgemäßer Beschränktheit ihrer selbstverschuldeten Unkenntnis überführen will? Wie auch immer, ganz ernst scheint man die emotionale Betroffenheit nicht zu nehmen. Mag das Fräulein, wie naheliegend, so be- wie gerührt sein von der Vergänglichkeit der Schönheit (ganz zu schweigen von den dadurch womöglich ausgelösten Weiterungen), einig sind sich Pädagoge wie Aufklärer in der Wahl ihrer Mittel, indem sie vertrauen auf die therapeutische Wirkung der Desillusionierung, ausgelöst durch Verweis auf die regelmäßige Wiederkehr eines profanen Naturvorgangs: Wissen hat Macht. Das Gedicht endet, ohne dass wir eine Reaktion des Fräuleins erführen, und so bleibt sie die große Unbekannte in dieser Begegnung.
Inzwischen wird mancher Leser vielleicht den Witz vermissen, einen leger hingetupften Scherz begriffsschwer erden zu wollen. Deshalb mag ein jeder sich vorab fragen, auf wessen Kosten denn hier gescherzt wird – und in wessen Namen.