Stefanie Golisch

LUIGI PIRANDELLOS BRIEFE AN MARTA ABBA

Als Luigi Pirandello im Februar 1925 in Rom die Schauspielerin Marta Abba kennenlernt, steht er im achtundfünfzigsten Lebensjahr, Marta ist gerade 24. Der berühmte Schriftsteller und Erneuerer des italienischen, ja europäischen Theaters und die junge, aufstrebende Schauspielerin: Für Pirandello ist es Liebe auf den ersten Blick, für Marta die sicher entscheidende Begegnung ihres Lebens, doch eben nicht die große Liebe. War es der enorme Altersunterschied? Die Tatsache, dass Pirandello - zwar unglücklich - verheiratet war und im damaligen Italien an eine Scheidung nicht zu denken war, was für Marta als überzeugte Katholikin, ein unüberwindliches Hindernis hatte darstellen müssen? Fest steht, dass sie seinem Drängen niemals ganz nachgab, ihm zwar ihre Nähe und Freundschaft gewährte, niemals jedoch mit ihm in jene Art von Verhältnis trat, das seinen Empfindungen für sie entsprochen hätte. [...]


Luigi Pirandello
MARTA MIA


An Marta Abba
Milano
Via Cajazzo 52

Paris, den 13.12.1930
Avenue Victor Emanuel III, Nro 5


Meine Marta,
in diesem Augenblick hat sich Eligio Possenti von mir verabschiedet. Er fährt heute zurück nach Mailand, um seine Arbeit beim Corriere della Sera wieder aufzunehmen. Ich habe ihm klar und deutlich gesagt, was ich von Simonis Artikel über "Madame Legros" halte, und er war vollkommen einverstanden mit mir, was die geistige Dürftigkeit dieses Artikels betrifft. Geistloser Exhibitionismus gepaart mit historischer Besserwisserei; er selbst sagte: " Was das Drama Heinrich Manns betrifft, so ist in ihm die Geschichte eigentlich nur ein Vorwand." Wozu also all dieses historische Gewäsch? Und wozu das ganze Gerede von Gut und Böse? Über die Menschheit, die nicht existiert, die ist und nicht ist? und ja und nein, und nein und ja; all das trägt nur zur Verwirrung des Lesers bei und hat zur Folge, dass er nichts mehr begreift, und am Ende, wenn er wirklich die Nase bereits gestrichen voll hat, schließt, dass es sich bei alledem um eine höchst ehrenwerte Arbeit handele und dass das Publikum sehr interessiert war, dass es drei oder vier Mal applaudiert hat, dass Deine Darstellung eindrucksvoll war und dass das Bühnenbild in allen drei Akten sehr schön war. Weshalb hat Herr Simonis seinen Artikel nicht so begonnen, wie immer dann, wenn er einer Truppe wohl gesonnen ist und möglichst viele Zuschauer ins Theater locken will? Für "Stefano" etwa hat er es eben auf diese Weise gehandhabt! Und hat sich doch gehütet, für "Penelope" und "Madame Legros" ebenso zu verfahren. Allerdings befürchte ich nach einem solch feindseligen Artikel, dass sich das Stück nicht sehr lange wird halten können. Doch möge Gott diesen meinen Zweifel zerstreuen und Dir, meiner Marta, eine Atempause gönnen. [...]