Jakob Ossner
GLEICHHEIT: ABSTRAKTION UND ILLUSION
Gleichheit ist kein Naturgesetz. Das oberste Gesetz
der Natur ist Unterordnung
und Abhängigkeit.
Vauvenargues
Ich habe große Rechte,
über die Natur ungehalten zu sein.
Franz Moor
Würde man gefragt, welcher Begriff nicht in die Reihe passe, und es würden genannt Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, so müsste man die Gleichheit herausstreichen. Der erste und der letzte Begriff sind beide spür- und als Gefühle erlebbar. Gleichheit ist nur als ihr Gegenteil er-fahrbar. Alles, was uns umgibt, ist ungleich, verschieden, nichts gleicht in allem dem andern und mit der Betonung der Individualität, von der wir sagen, dass sie unhintergehbar sei, drücken wir unseren Stolz darüber aus, nicht austauschbar mit einem gleichen Andern zu sein. Warum dann also Gleichheit und warum so stolz in der Mitte, flankiert von den beiden andern, wenn wir schon nach kurzem Besinnen, nach einem kurzen Blick in die Welt wissen, dass es sich um kei-nen Begriff handeln kann, der sich real füllen lässt, dessen Bedeutung wir mit einer einfachen hinweisenden Geste verstehbar machen könn-ten? Gipfeln die erfahrbare Freiheit, die erlebbare Brüderlichkeit in der vom Leben abstrahierten Gleichheit?
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Ungleichheit ist für die, die gleich werden wollen, eine schmerzliche Erfahrung. Je größer der Schmerz, desto größer die Depression oder der Glaube an Heilung. Wo ein Glaube ist, dort ist auch ein Versprechen. Keine Religion verzichtet daher auf die Gleichheit der Seligen und verbannt die Nichtseligen in eine Hölle, in der nach dem Grade der Sünde die Strafe erfolgt, sodass die Ungleichen ohne Erlösung ungleich bleiben müssen. [...]