Joachim Vahland
KANTS »FRIEDEN«


Denn es ist wider alle Grundregeln des philosophischen Verfahrens,
das, worüber man allererst entscheiden soll, schon zum voraus
als entschieden anzunehmen.
Kant


Seinen philosophischen Werdegang prägen zwei gegenläufige Entwicklungen: Da ist zum einen die universitäre Laufbahn mit all ihren Verzögerungen und Enttäuschungen, bis er sich endlich, 1770, im Alter von 46 Jahren, als Professor für Logik und Metaphysik etabliert sieht.
Zum anderen gibt es da den irritierend selbstbewussten Magister, der sich früh seiner exklusiven Rolle in der Geschichte der Philosophie sicher ist als der eines alles zuvor Gedachten Revolutionärs. Auch besteht für Kant kein Zweifel über das Ziel seiner Ambitionen, nämlich "die Gegensätze der Philosophie zu erklären und zu beheben". Mit anderen Worten: Kant tritt an, den großen und endgültigen Konsens herbeizuführen. So heißt es bereits in einem Brief vom 23. August 1749 an Leonhard Euler anlässlich der Übersendung der Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte (1746), er wolle beitragen "zu einer endlichen und völligen Beilegung der Uneinigkeiten unter so großen Gelehrten". Und in diesem Geiste schließt die Kritik von 1781 mit der viel zu selten zitierten frohen Aussicht, dass "dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht leisten konnten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden möge: nämlich, die menschliche Vernunft in dem, was ihre Wissbegierde jederzeit, bisher aber vergeblich, beschäftigt hat, zur völligen Befriedigung zu bringen".
Das heißt: Mitte des 18. Jahrhunderts taucht da jemand auf, der zwar Jacob Bruckers Philosophiegeschichte, aber wohl kaum einen der Dialoge Platons gelesen hat, um dennoch ungerührt alle seine Vorgänger zu düpieren, indem er sie der Unreflektiertheit überführt. Damit nicht genug: Denn Kant beabsichtigt nichts Geringeres, als der Philosophie den ewigen Frieden anzudemonstrieren (und nebenbei noch den im Politischen).
Die bisherige Geschichte des Denkens, so die wiederholte Botschaft, ist die Geschichte bizarr anmutender Missverständnisse und fruchtloser Streitigkeiten, Kämpfe, Kriege, die sofort ein Ende fänden, wenn sich das Denken doch nur aufraffen könnte, über sich selbst nachzudenken. [...]